Jusos im Kreis Steinfurt besuchen Ibbenbürener Steinkohlebergwerk

Jusos Kreis Steinfurt besichtigen Ibbenbürener SteinkohlebergwerkIbbenbüren. 1200 Meter in der Tiefe. Spärliche Beleuchtung und Feinstaub in der Luft beengen die Sicht. Es herrschen Temperaturen um die dreißig Grad, doch die hohe Luftfeuchtigkeit – über neunzig Prozent! – und der Staub in der Luft nehmen einem den Atem und lassen noch weitaus höhere Temperaturen vermuten. Anfangs geht es noch durch breite, nahezu leerstehende Gänge, wo vereinzelt sogar Laute von Grillen wahrzunehmen sind. Doch schon nach kurzer Zeit findet man sich auf dem Bauch liegend auf einem sich schnell bewegenden Beförderungsband für Bergarbeiter wieder, nur um kurze Zeit später neben brüllenden Kohleförderbändern zu stehen oder sich auf allen Vieren durch einen vielleicht einen Meter hohen Förderschacht zu bewegen.

Die RAG Anthrazit Ibbenbüren gestattete den Jusos im Kreis Steinfurt gestern einen – wortwörtlich – tiefen Einblick in das Ibbenbürener Bergwerk, dessen Steinkohle, Anthrazit, mit einem Kohlenstoffgehalt von über 98 Prozent einen besonders hohen Energiegehalt aufweist und entsprechend wertvoll ist. Und dennoch ist 2018 Schluss mit der Kohleförderung im Ibbenbürener Bergwerk – wie auch sonst überall in Deutschland. Denn dann, so ein entsprechender Beschluss der des Bundes und der Länder von 2007, sollen die Subventionen für Kohle auslaufen. Für Ibbenbüren und Umgebung wird damit nicht nur ein Jahrhunderte altes Wahrzeichen von der Bildfläche verschwinden. Denn noch immer gibt es rund 2100 Beschäftigte (2007 waren es noch etwa 3900) bei der RAG Anthrazit Ibbenbüren sowie Hunderte von Zuliefer- und anderen Betrieben, die direkt oder indirekt vom Ibbenbürener Steinkohlebergbau mehr oder weniger abhängig sind. Grund genug für uns Jusos im Kreis Steinfurt, sich das Bergwerk einmal genauer anzusehen und die wirtschaftliche und technologische Bedeutung für Ibbenbüren und die nähere Umgebung, aber auch Deutschland als Ganzes zu erörtern.

Es ist 15 Uhr am Nachmittag, als uns unserer Rundführer Thomas, selbst langjähriger Bergarbeiter, in die Geschichte des Bergwerks und die Abbau- und Fördertechniken einführt. Anschließend führt er uns zur Steuerzentrale, von wo aus per Knopfdruck nahezu alle technischen Einheiten des gesamten Bergwerks von den Mitarbeitern an den Computern gesteuert werden können – alles selbst langjährige Bergarbeiter, die aufgrund ihrer Erfahrung an der Entwicklung der dafür nötigen Software mitgewirkt haben. Kein Job für reine IT-Spezis, versichert uns Thomas.

Kurz darauf geht es zum Umziehen, um in voller Bergarbeitermontur in das Innere des Bergwerks zu fahren und den Steinkohleabbau live zu erleben. Es verwundert dabei, dass nur sehr wenige Mitarbeiter unten im Stollen anzutreffen waren. Das meiste, so Thomas, wurde in den letzten Jahren, da viele Mitarbeiter schrittweise aufgrund der auslaufenden Subventionen entlassen werden mussten, maschinisiert und rationalisiert, sodass die geförderte Menge an Steinkohle in den letzten Jahren nicht zurückgegangen, sondern sogar gestiegen ist – rund 2 Mio. Tonnen Steinkohle werden derzeitig pro Jahr in Ibbenbüren gefördert. Die Kohle selbst geht dann zumeist an deutsche Kohlekraftwerke. Einer der größten Abnehmer ist u.a. das nur wenige Meter entfernte Ibbenbürener Steinkohlekraftwerk von RWE, zu dem sogar direkt ein Förderband führt. Das Kraftwerk selber, obwohl schon 1985 gebaut, gehört aufgrund umfangreicher Modernisierungsmaßnahmen in den letzten Jahren nach wie vor zu den emissionsärmsten Kohlekraftwerken Deutschlands.

Untertage zumindest können wir einen guten Einblick in den Alltag eines Bergarbeiters kriegen und uns auch direkt mit den „Kumpeln“ unterhalten. Die Arbeit ist körperlich äußerst anstrengend und man ist ständig Belastungen durch Feinstaub und anderen Gefahren ausgesetzt. Immer wieder stehen daher medizinische Untersuchungen und Wir vor der Grubenfahrt ...Fitnesseignungstests auf dem Plan. Die Rente mit 55 für Bergarbeiter ist daher allzu verständlich. Doch sie berichteten auch von persönlichen Problemen. Ein Großteil der Arbeiter kommt mittlerweile aus dem Saarland. Dort wurden die Steinkohlebergwerke bereits stillgelegt. Es sind Pendler, die nur zeitweise in Ibbenbüren leben und zumeist an den Wochenenden wieder zu ihren Familien im Saarland zurückkehren. Vom Lohn – im Schnitt 1800 Euro netto – müssen dann zwei Wohnungen sowie die anfallenden Kosten bestritten werden. Und dennoch kommen von ihnen viele nach Ibbenbüren. Denn die RAG Anthrazit Ibbenbüren kann viele von ihnen auffangen und zumindest zeitweise vor der drohenden Arbeitslosigkeit bewahren oder die älteren Arbeitnehmer bis zu ihrer Rente zumindest in Anpassungsmaßnahmen überführen.

Und trotz des Zulaufs aus dem Saarland: Das Ibbenbürener Bergwerk hat immer wieder Personalprobleme, vor allem an den Wochenenden (denn das Bergwerk läuft auch sonntags und bei Nacht), wenn die Kumpel aus dem Saarland wohlverdient in ihre Heimat zurückkehren. Man weiß zudem nie, wie viele Bergarbeiter zur Unterstützung denn dieses Jahr aus dem Saarland nach Ibbenbüren kommen würden. Junge Arbeitskräfte kann das Bergwerk zudem nur wenige halten, da es aufgrund der auslaufenden Subventionen nur befristete Arbeitsverträge vergeben kann. Viele der Auszubildenden gehen daher zu anderen Betrieben, denn sie sind auch aufgrund ihrer hochwertigen Ausbildung mehr als gefragt. „Es ist zwar traurig, aber übel kann man es ihnen nicht nehmen“, erklärt Thomas. Fakt ist aber auch, dass mit dem Schließen des Bergwerks 2018 der größte Ausbilder in der Region verloren geht.

Doch viele Folgen sind noch nicht absehbar. Entsprechend kritisch sehen die Bergleute das Kohle-Aus für 2018. Deutschland ist derzeitig in technologischer Hinsicht führend im Bergbau zu Untertage – was geschieht mit dem Technologiestandort Deutschland? Denn die Bergbautechnik kann nicht mehr angewendet oder getestet werden, die (Weiter-)Entwicklung bleibt aus – und das für eine Exportnation wie Deutschland. Doch es stellt sich auch die Frage nach der Energieversorgungslage. Anstatt dass man Kohle aus deutschem Bergbau in den heimischen Kohlekraftwerken verwendet, macht man sich von Importen abhängig. Und ob dies so viel ökonomisch sinnvoller ist, jetzt wo auch die Atomkraftwerke endgültig abgeschaltet werden? Denn nach wie vor wird mehr als die Hälfte des deutschen Stroms durch Kohle erzeugt; 2021 sollen nach realistischen Prognosen gerade einmal ein Drittel des deutschen Strombedarfs durch erneuerbare Energien gestellt werden – Strom durch Atomkraft fällt dann allerdings weg. Vor allem die Tatsache, dass wie im Falle Ibbenbürens das Kohlekraftwerk im wahrsten Sinnes des Wortes „direkt um die Ecke“ ist und zukünftig stattdessen Tausende Kilometer für dessen Belieferung mit Steinkohle in Kauf genommen werden müssen, erscheint ökonomisch, vor allem aber ökologisch alles andere als sinnvoll.

Doch auch der soziale Aspekt muss berücksichtigt werden: Zahlreiche Mitarbeiter (derzeitig immer noch rund 2100) werden ihren Arbeitsplatz verlieren, kaum abzuschätzen ... und nach der Grubenfahrt.vor allem die Entlassungen in den mit der RAG Anthrazit Ibbenbüren zusammenarbeitenden Zulieferbetrieben, wovon ebenfalls viele von der Schließung des Bergwerks direkt betroffen sind, was folglich die gesamte umliegende Region wirtschaftlich in Mitleidenschaft ziehen wird. Stattdessen wird nun Kohle aus dem Ausland bezogen, darunter ein Großteil aus Bergwerken, in denen „Sicherheitsstandards“ ein Fremdwort ist und sich Kinderarbeit an der Tagesordnung befindet. Auch bot die RAG Anthrazit Ibbenbüren bisher viele Arbeitsplätze für minder qualifizierte Leute, deren sonstige Aussichten auf dem Arbeitsmarkt eher schlecht sind.

Über all dies können die Ibbenbürener Kumpel nur den Kopf schütteln – vor allem bei einem so wirtschaftlich gut aufgestellten Bergwerk wie in Ibbenbüren (u.a. wird durch das beim Abbau anfallende Methan Strom erzeugt, sodass sich das gesamte Bergwerk nahezu selbst versorgen kann). Generationen von ihnen haben bereits hier gearbeitet. Dass das Bergwerk nun schließen muss, tut natürlich auch im Herzen weh. „Man fragt sich, was die da oben in Berlin nur denken.“ Eine plötzliche Umkehr ist nicht möglich, erklärt Thomas. „Diese Ankündigung müsste sieben Jahre vor dem Kohleausstieg kommen, um entsprechende Maßnahmen zu treffen. Also jetzt. Doch Anzeichen dafür aus Berlin gibt es derzeitig nicht.“ Den Betrieb im Bergwerk also später wieder aufzunehmen, nachdem es bereits geflutet und eine Wiederaufbereitung dann Milliarden von Euro in Anspruch nehmen würde, scheint daher eher unrealistisch.

„Doch Hoffnung hat man immer“, erklärt Thomas, als er uns nach dem gemeinsamen Abendmahl verabschiedet. In der Region jedenfalls stehen nahezu alle Parteien geschlossen hinter dem Bergwerk, auch FDP und Grüne, die gemeinsam für weitere Subventionen für Steinkohle plädieren, ohne die die Weiterführung des Bergwerks leider nicht möglich wäre. Zum Abschied gibt uns Thomas noch eine Bitte mit auf den Weg: „Wenn ihr einmal oben in der Politik angekommen sein solltet, dann macht bitte so weiter. Führt zu eurer eigenen Information Betriebsbesichtigungen durch und sprecht auch ‘mal mit den einfachen Kumpeln wie unsereins, die euch die Dinge auch einmal aus einer anderen Perspektive beleuchten können.“ Diesen Ratschlag wollen wir uns auch weiterhin zu Herzen nehmen.

Hinterlasse eine Antwort


zwei − = 1